Artemisia vulgaris – Die Mutter der Kräuter & Das Kraut der Mütter

Der Beifuß, die Mutter aller Kräuter, begegnet uns auf einem Spaziergang durch die Natur am Wegesrand und an Schutt- und Geröllplätzen, Bahntrassen, auf brachliegenden Flächen und ganz allgemein auf sandigem Boden. Er zählt zu den häufigsten Wildkräutern und wird dennoch als Heilpflanze kaum noch wahrgenommen.
Die recht bitter schmeckende und herb- würzig duftende Pflanze zählt zur Familie der Korbblütler und der Gattung der Artemisia Gewächse. Über die ganze Welt verteilt gibt es mehr als 500 verschiedene Artemisiengewächse. Seine uns bekanntesten Verwanden sind zum Beispiel der Wermut (Artemisia absinthum), der Estragon (Artemisia dranuculus), die Eberraute (Artemisia abrotanum) und das Colakraut (Artemisia procera).
Je nach Art und Standort kann der Beifuß bis zu 150 cm oder sogar 180 cm groß werden. Er ist eine ausdauernde, das heißt mehrjährige Pflanze. Sein Stängel ist unten verholzt und meist braun oder rötlich und rispig verästelt. Die Blätter des Beifußes sind lanzettartig, gefiedert und erscheinen manchmal sogar stachelig. Die Oberseite der bis zu 10 cm langen Blätter ist dunkelgrün bis gräulich- grün. Auf der Unterseite tragen die Blätter eine weißfilzige Behaarung und schimmern silbern. Zwischen Anfang Juni und Ende September blüht der Beifuß. Die Blüten wachsen in einer Ähre oder Traube und ändern ihre Farbe von graugrün, über gelb bis hin zu leichtem rosa. Die Blüten entwickeln zur Fruchtreife einsamige Nussfrüchte, diese nennt man Achänenfrüchte und sie werden beim Beifuß bis zu 1 mm groß.
In der Antike und dem Mittelalter verwendete man den Beifuß zur Behandlung verschiedener Krankheiten und Beschwerden. Er ist eine der ältesten Ritualpflanzen in Europa. Der Beifuß war und ist über die ganze Erde verteilt und wurde sowohl vom alten China, über das Griechenland der Antike, Persien, Rom, Ägypten bis hin zu den Indianern Amerikas als Heilpflanze hochgeschätzt.
Bei den alten Germanen war der Beifuß wohl die mächtigste Pflanzen. Man nannte ihn Mugwurz, was Machtwurz bedeutet. In der niederdeutschen Mundart heißt er noch immer Muggert, Müggerk oder auch Mugwurz. Es wird vermutet, dass „Mug“ vom keltischen Wort „miegle“ herrührt, was „wärmen“ bedeutet. Wärme setzte man gleich mit Leben und Kraft, Kälte hingegen bedeutete Schwäche und Tod. In seinem Buch „Heilkräuter und Zauberpflanzen“ beschreibt Wolf Dieter Storl weiter, dass die heidnischen Sachsen den Beifuß Wyrta, Modor, Mutter der Wurzeln oder Schicksalsmutter nannten. Später im Mittelalter ehrte man die Machtwurz als Herbarum Mater, die Mutter der Kräuter. Im angelsächsischen Neunkräutersegen ist sie die erste die angerufen wird, die erste der 9 Wunderzweige mit denen der Schamanengott Woden, also Odin, die giftige krankheitsbringende Schlange schlug.
 

Zitat aus dem angelsächsischen Neunkräutersegen:

«Neun Kräuter ziehen gegen neun hässliche Gifte:

Eine Schlange kam geschlichen Zu schlagen und

verderben den Menschen.

Da nahm Woden neun Wunderzweige

Und schlug den Wurm bis er zerstob.»

 
Artemisia ist die Pflanze der altitalienischen Göttin Diana, die Göttin der Jagd und Beschützerin der Jungfräulichkeit. Sie ist der heiligen Anna geweiht, die Mutter Marias und Schutzpatronin der Frauen.
Die Römer setzten die Göttin Diana gleich mit der griechischen Göttin Artemis und diese Artemis-Diana ist die Herrin der Wildnis, Hüterin des weiblichen Schoßes und der Scham, aus dem alle Lebewesen dieser Erde entspringen.
Plinius leitet den Namen Artemis von Artemis-Ilithia ab, der Göttin in ihrem Aspekt der Geburtshelferin.
In keiner anderen Pflanze ist der Aspekt der weiblichen Göttin so stark manifestiert wie im Beifuß. Das ist ein Zeichen auf seine Anwendung. Bei den Indianern, Indern und Chinesen war der Beifuß, wie auch in unseren Breiten, eine Pflanze für gynäkologische Anwendungen. Vermutlich haben sogar in der Steinzeit die Frauen den Beifuß für Sitzbäder genutzt um die Menstruation anzuregen, schmerzhafte Blutungen leichter fließen zu lassen, die Geburt und Nachgeburt zu unterstützen. Im Mittelalter wurde der Beifuß nicht nur bei den Frauen eingesetzt um die Geburt und Nachgeburt zu fördern, sondern wohl sogar bei Kühen.
Otto Brunfels (1534) beschreibt die Anwendung des Beifußes in Form von „Sitzbädern für das Unfruchtbare, das es den Uterus entspannt, reinigt und wärmt“.
Heute wenden wir den Beifuß bei Magen- und Darmbeschwerden, allgemeinen Verdauungsbeschwerden, Übelkeit, Galle- und Leberbeschwerden, Kopfschmerzen, innerer Unruhe und Wechseljahresbeschwerden an. Um diese Beschwerden zu lindern kann man einen Tee vom Beifuß kochen, diesen 3-5 Minuten ziehen lassen, abseihen und genießen. Der Tee kann bis zu 3-mal täglich, allerdings nie länger als eine Woche, getrunken werden. Wer stark schwitzt sollte darauf verzichten, da der Beifuß eine wärmende Pflanze ist und alle Säfte in Wallung bringt. Während einer Schwangerschaft sollte man  auf den Beifuß wegen seiner wehenfördernden Eigenschaft in jeglicher Form verzichten.
Hildegard von Bingen nennt den Beifuß als einen Helfer bei offenen Beinen (Ekzemen) und Völlegefühl. „Der Beifuß ist sehr warm, und sein Saft ist sehr nützlich, und wenn er gekocht in Mus gegessen wird, heilt er kranke Eingeweide und erwärmt den kranken Magen.“
Der Beifuß wird auch in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet. Er hat dort den Organbezug auf Leber-Galle, Magen, Milz und Niere. Auch hier gilt er als eine wärmende Pflanze mit trocknen und entkrampfenden Eigenschaften, die bei Blähungen, Magen- und Darmerkrankungen und Hämorrhoiden helfen und den Energiefluss regulieren soll. Von meinem Arzt in TCM habe ich gelernt, dass, wenn man nicht in seiner Mitte ist, die Leber entlastet werden sollte. Das kann man gut mit verschieden Kräutertees. Er hat mir einen empfohlen um in stressigen, kopflosen Tagen die Energie wieder fließen zu lassen und in meine Mitte zu gelangen. Der Beifuß war auch für mich kein Kraut an das ich in dieser Situation gedacht habe. Deshalb finde es wieder mal sehr spannend, dass diese Information genau im richtigen Moment zu mir gekommen ist. Ich habe das gleich mal ausprobiert, mir einen Beifußtee gekocht und werde den in den nächsten Tagen noch trinken. Wohlig warm ist mir auf jeden Fall jetzt schon und für eine Frostbeule wie mich, ist das ein netter Nebeneffekt.
Beifuß eignet sich hervorragend für Räucherungen, er ist eine der größten Räucherpflanzen, ein altes Schutz- Heil- und Zauberkraut. Ich liebe seinen bittersüßen, schweren und klaren Duft. Meistens räuchere ich ihn allein, er kann allerdings auch sehr gut in Räuchermischungen gegeben werden. Beifuß sollte in keiner Schutz- Reinigungs – oder Segensräucherung fehlen. Er unterstützt uns bei Veränderungen im Leben und hilft das Alte loszulassen und hinter sich zu lassen, sich zu öffnen. Er fördert die Intuition, das Wissen, das Traumbewusstsein und die Hellsichtigkeit. Beifuß wärmt von innen heraus bei seelischen Schmerzen das Herz und aktiviert die eigenen Heilkräfte um Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Er reinigt und schützt. Beifußräucherungen ermutigen uns und schenken neue Sichtweisen. Er eignet sich sehr gut für Räucherungen in Übergangszeiten. Also immer dann, wenn wir etwas Altes loslassen und neue Wege beschreiten oder eine neue Phase in unserem Leben einläuten.

3 Kommentare zu „Artemisia vulgaris – Die Mutter der Kräuter & Das Kraut der Mütter“

  1. Für mich ist ja Beifuß die Pflanze für die Sommersonnwende schlechthin. Es gibt ja auch den Brauch, an der Sommersonnwende sich einen Gürtel aus Beifuß zu flechten und umzulegen. Ein kräutermagischer Schutzzauber.

  2. Ja absolut… da hast du Recht. Über den Beifuß gibt es ja unheimlich viel zu sagen, da reicht ein Beitrag gar nicht… ich hab schon gesehen, dass du zu diesen Themen (Ritualen und Festen) unheimlich Wissen geteilt hast 🙂

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